Hannsels Turmgeschichten

Johann Wolfgang v. Goethe
Lynkeus der Türmer

Zum Sehen geboren,
zum Schauen bestellt,
dem Turme geschworen,
gefällt mir die Welt.

Ich blick in die Ferne,
ich seh in der Näh
den Mond und die Sterne,
den Wald und das Reh.

So seh ich in allen
die ewige Zier,
und wie mir’s gefallen,
gefall ich auch mir.

Ihr glücklichen Augen,
was je ihr gesehn,
es sei wie es wolle,
es war doch so schön.

… ein Gedicht, das mir seit meiner frühesten Kindheit bekannt ist.
Meine Mutter hat es oft zitiert, in meiner Erinnerung immer,
wenn wir vor einer großen Kirche oder einem hohen Turm standen.
Mit ihr zusammen bin ich im Edmundsthaler Wald
auf dem schwarzen, rostigen Aussichtsturm gewesen.
Was ist es, was uns auf die Türme steigen läßt? Wozu dieser Klettersport?
Ist es Neugier, Abenteuerlust, Entdeckerfreude?

Im Turm ist es dunkel und kühl Die Kaminwirkung sorgt für einen unangenehmen Luftzug, und der meist muffige Geruch verschlägt einem den Atem. Die Wände unverputzt, rauh, manchmal vom Ruß der Brände vergangener Jahrhunderte geschwärzt. Man sucht Halt am Geländer, wenn denn eines vorhanden ist, oder da windet sich ein locker durchhängender Tampen hinauf. Sehr oft muß man sich freihändig, auf ausgetretenen Stufen, nach oben tasten. Und immer an der engsten Stelle kommen Leute von oben.Völlig außer Atem endlich oben, blendende Helligkeit und auch, wenn es unten sommerlich warm war, hier weht eine kühle Brise.Der erste Blick geht sofort nach unten. Man möchte die Höhe schätzen,wobei ein banges Gefühl die Brust einengt.
Anziehend ist sie schon diese gruselige Tiefe… schnell ist der Kopf aber wieder frei,
wenn das Auge den Horizont sucht. Spannt sich dann noch ein strahlend blauer Himmel mit Schönwetterwolken über die Stadt, den Wald oder das Meer,
macht das Herz wohl einen Hüpfer:
... „wie mir’s gefallen, gefall ich auch mir!“

Kein Geländer, keine erreichbare Kupferplatte auf der sich die Turmbesteiger nicht verewigt haben. Waren es früher die zwei Anfangsbuchstaben mit einem „+“ dazwischen und einem Herzen herum, Hakenkreuze oder SS-Runen, liest man heute: „ALEX WAS HERE“ oder das ekelhafte „FUCK OFF“ und diese blöden Takes mit schwarzen Filzern auf die grüne Patina geschmiert.
Noch einen Blick zu den Wolken und dann geht’s wieder den Turm hinunter, mit weichen Knien und stolzer Brust ob der sportlichen Leistung.


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Über meinkerbholz

ein oller Rentner, der sich darüber freut, wenn sein Geschreibe hier gelesen wird.
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2 Antworten zu Hannsels Turmgeschichten

  1. Gabi Schär schreibt:

    Hannsel, Du überrascht immer wieder! Bin total begeistert von Deinen kleinen Geschichtchen (möchte sie nicht Stories nennen). Und ich würde mir wünschen, dass meine Kinder auch mal so verzückt an ihre Kindheit zurückdenken.
    Gabi

  2. meinkerbholz schreibt:

    Danke, liebe Gabi, es freut mich/uns, dass dir meine Türmereien gefallen. Das Leben ist schön! LG Hannsel

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